Kolumne von Rahel Tschopp
«So zu arbeiten ist viel einfacher als in einer traditionellen Schule.» Das erzählt mir die Vikarin. Ich bin irritiert. Denn wir befinden uns in einer öffentlichen Schule in Winterthur, die doch eher ungewöhnlich unterwegs ist. Drei altersdurchmischte Klassen vom ersten bis vierten Schuljahr lernen hier unter einem Dach, ergänzt durch eine Aufnahmeklasse für Kinder mit Migrationshintergrund, die von einer intensiven Sprachförderung profitiert.
Das Team des Schulhauses Talacker zeigt, was möglich ist, wenn die Verantwortung in einer multikulturellen Schule gemeinsam getragen wird.
Orientierung durch Verlässlichkeit
Was mir auffällt, ist die Konsequenz, mit der das Lernen aus der Perspektive der Kinder betrachtet wird. Das klingt selbstverständlich, ist es aber nicht. Strukturen, Räume und Abläufe sind nicht aus der Logik der Erwachsenen entwickelt, sondern aus der Frage heraus, was Kinder für ihre Orientierung, Sicherheit und Entwicklung brauchen. Die Lernräume heissen «Heimat» und sind identisch gestaltet. Die Kinder wechseln regelmässig den Raum und finden sich überall zurecht. Orientierung entsteht durch Verlässlichkeit und Vertrautheit. Die Wände sind «optisch ruhig», die Materialien klar strukturiert, die Arbeitsnischen durchdacht. Diese Klarheit entlastet und schafft Raum für Konzentration.

Wechselnde Gruppen
Auch das altersdurchmischte Lernen ist hier nicht ein organisatorischer Kompromiss, sondern tief verankerte Haltung. Die Kinder arbeiten immer wieder in neuen Konstellationen. Gruppen werden bewusst gemischt, Verantwortlichkeiten wechseln. Ältere übernehmen anspruchsvollere Aufgaben, jüngere bringen andere Perspektiven ein. Vielfalt wird nicht als Last verwaltet, sondern als Stärke genutzt.
Klare Verantwortlichkeiten
Die Zusammenarbeit im Lehrpersonen-Team basiert auf diesem Verständnis. Verantwortung bedeutet hier nicht, dass alle alles machen. Im Gegenteil: Zuständigkeiten sind klar verteilt. Einzelne Lehrpersonen bereiten beispielsweise den Mathematikunterricht vor, andere verantworten den Sprachbereich. Das erarbeitete Material wird von allen genutzt. So entsteht Qualität durch Vertiefung, ohne dass jede Person alles allein entwickeln muss. Die Vorbereitungsarbeit ist aufgeteilt, die Umsetzung wird gemeinsam getragen. Materialien sind gemeinschaftlich organisiert, Planungen abgestimmt, Entscheidungen werden gemeinsam gefällt. Niemand arbeitet isoliert, und die Verantwortung für alle Kinder liegt beim ganzen Team.
Möglicherweise meinte die Vikarin genau das: Die Arbeit wird nicht leichter, weil sie weniger anspruchsvoll ist, sondern weil sie gemeinsam getragen wird. Wer nicht alles allein entwickeln und verantworten muss, gewinnt Handlungsspielraum. Die Energie fliesst nicht in Abgrenzung, sondern in Abstimmung.



Sorgfältiger Umgang
Für mich zeigt dieses Schulhaus, was möglich wird, wenn Haltung und Struktur übereinstimmen. Hier wird Vielfalt nicht problematisiert, sondern selbstverständlich integriert. Es berührt mich, zu erleben, wie sorgfältig hier alle miteinander umgehen, wie aufmerksam gesprochen, zugehört und begleitet wird. Durch diese Sorgfalt entsteht eine Lernkultur, die Vielfalt trägt, stärkt und für alle Beteiligten produktiv macht.
Kostenloser Praxiseinblick in die Zusammenarbeit der Schule Talacker
Anja Bühlmann und Daniel Jeseneg geben in einem kostenlosen Online-Workshop Einblick in ihre Arbeit als Lehrpersonen an der multikulturellen Schule Talacker in Winterthur. Nebst praktischen Tipps für ein gelingendes Teamteaching erfährst du auch, welche Potenziale altersdurchmischte Gruppen haben. Das Gespräch moderiert Bildungsexpertin Rahel Tschopp.
Der Online-Workshop findet am Mittwoch, 13. Mai 2026 von 13.30 Uhr bis 15 Uhr statt. Hier geht’s zur Anmeldung.

Zu Rahel Tschopp
Rahel Tschopp begleitet mit ihrer Denkreise GmbH Schulen, die sich mit der Frage auseinandersetzen: Wie kann, soll und muss Schule heute sein? In ihrer Kolumne für LerNetz Schule gibt sie persönliche Einblicke in ihre Lernreisen zu Volksschulen in der ganzen Schweiz.
In ihrer beruflichen Laufbahn war Rahel Tschopp Primarlehrerin, schulische Heilpädagogin sowie Schulleiterin. In Hamburg studierte sie Change Management. Sie arbeitete während vieler Jahre an der PH Zürich in der Weiterbildung von Lehrpersonen, zuletzt als Leiterin des Zentrums Medienbildung und Informatik. 2021 hat sich Rahel Tschopp mit ihrer Denkreise GmbH selbständig gemacht.