Begleiten statt lehren

Kolumne von Rahel Tschopp

Wenn ich etwas bestimmen dürfte in den Schulen: Ich würde überall das Projektlernen verpflichtend einführen. Aber was meine ich damit eigentlich?

Der Begriff «Projekt» wird im Schulumfeld sehr unterschiedlich gedeutet: Oft bedeutet es, dass die Erwachsenen etwas für die Kinder vorbereiten, was ausserhalb des Alltags liegt: Ein Projekttag Wasser, die Projektwoche Zirkus. Der Aufwand für die Lehrpersonen ist dabei riesig, den Kindern bringt es vor allem eine Abwechslung vom Alltag. Doch beim Projektlernen geht es um etwas anderes – hier entscheiden die Kinder über den Inhalt, die Dauer, die Methode, die Sozialform; sogar über die Zielsetzung.

Verantwortung anders verteilen

Projektlernen verlagert Verantwortung, und zwar auf sorgfältige Art. Das Projektlernen ist eine Einladung, gemeinsam aufzubrechen. Die Erwachsenen treten einen Schritt zurück, sie begleiten anstatt zu lehren. Sie nehmen damit eine neue Rolle ein. Sie steuern über Fragen, sie beraten bei Methoden und bei Fragestellungen.

Die Kinder übernehmen mehr Verantwortung. Sie dürfen dabei irren, scheitern und daran wachsen. Das Wissen ist dabei nicht mehr in Fächer unterteilt. Ein Beispiel: Ein Kind schreibt einen langen Text. Irgendwann entscheidet es: Dies wird ein Buch, das über Online-Shops gekauft werden kann. Es recherchiert, fragt an, setzt dafür auch eine KI ein. Ein anderes Kind bastelt ein Vogelbad und wieder ein anderes plant einen Ausflug für die Klasse.

Verbindlichkeit und Struktur

Projektlernen braucht mehr als gute Ideen, es ist kein Freipass. Es braucht klare Strukturen, Verbindlichkeit und einen Rahmen. Die Kinder müssen wissen, was die Erwachsenen von ihnen erwarten: Es geht nicht mehr darum, in vorgegebener Zeit eine Aufgabe möglichst fehlerfrei zu lösen. Die Erwartungshaltung weicht oft diametral vom herkömmlichen Schulunterricht ab.

Im Schulhaus Talacker in Winterthur steht an zwei Halbtagen «Projektlernen» auf der Wochenübersicht. Grundlage dazu bietet der Friday von Margret Rasfeld. Der Talacker hat das Konzept stark adaptiert. Er orientiert sich an den 17 Zielen für nachhaltige Entwicklung (SDG) der Vereinten Nationen. Ein Ziel wird jeweils in der Gruppe thematisiert und kindgerecht aufgearbeitet.

Sich selbst Ziele setzen

Ob die Projekte an dieses Ziel angelehnt sind oder nicht, entscheiden die Kinder der 1. – 4. Klasse selbst. Im Vorfeld reflektieren sie, was sie bei ihrem Projekt lernen wollen. Sie überlegen, warum dieses Projekt für sie selbst wichtig ist – und für die Erreichung der SDG-Ziele. Zudem denken sie bereits darüber nach, wie sie ihre abgeschlossene Arbeit präsentieren wollen: Erstellen sie dazu ein Bild, einen Video- oder einen Audio-Beitrag, ein Plakat? Die Präsentation soll den anderen Kindern Ideen generieren und die gegenseitige Wertschätzung fördern. Klar: Einige Kinder brauchen stärkere Unterstützung, andere weniger.

Bei meinem Besuch an einem Projekt-Halbtag der Schule Talacker bewege ich mich durch das ganze Schulhaus. Überall ist es ruhig, konzentriert. Es wird geschrieben, gerechnet, gebaut, konstruiert. Die Mitarbeitenden der Schule haben sich über die verschiedenen Räume des Schulhauses. Es wuselt, wenn die Kinder ihre Projektarbeiten hervornehmen, alle verschwinden irgendwo. In einem Zimmer sind viele Kinder, im anderen weniger. Alle Schränke sind angeschrieben und mit Symbolbildern versehen. Die Kinder sollen sich selbständig ihr Material holen können.

Eigene Ideen verwirklichen

Ein Mädchen ist am Weben – es erstellt sich eine eigene Tasche. Zwei Jungs bauen eine eigene Gitarre, die Anleitung haben sie im Internet gefunden. Ein anderes Kind arbeitet mit Holzperlen. Einige Kinder erstellen eine Zwischenarbeit. Denn die «Projektzentrale» ist nur am Freitag offen: Dann können die Kinder einer Lehrperson die Skizze für ihre nächste Arbeit vorstellen und diese besprechen.

Neue Rollen einüben

Wäre es nicht kraftvoll, wenn alle Kinder in der Schule diese Erfahrung machen dürften? Ab der ersten Klasse. Zwei Lektionen pro Woche – fest verankert, bis zum Ende der obligatorischen Schulzeit? Ein Raum, in dem Kinder eigenen Ideen Flügel verleihen? Ein Raum, in dem sie ihre Leidenschaft und ihre Stärken entdecken können? Im Kindergarten dürfen die Kinder im freien Spiel über ihre Tätigkeit entscheiden, später im Projektlernen. Sie entscheiden selbst, in welches Thema sie eintauchen wollen: Ob es ein Produkt gibt oder nicht, ob sie mit den Händen arbeiten oder mit künstlicher Intelligenz, ob sie allein oder in einer Gruppe arbeiten. Lehrpersonen üben sich dabei im Loslassen. Sie schulen ihr Auge beim reinen Begleiten der Kinder, sie üben sich in ihrer neuen Rolle. Die Erwachsenen und die Kinder lernen, gemeinsam zu reflektieren.

Projektarbeit an der Schule Talacker: Workshop-Aufzeichnung

Am 13. Mai fand ein Live-Webinar mit Anja Bühlmann und Daniel Jeseneg der Schule Talacker in Winterthur statt. Sie gaben Einblick in ihre Arbeit als Lehrpersonen an einer multikulturellen und auf Projektlernen stützenden Schule. Bildungsexpertin Rahel Tschopp moderierte das Gespräch. Interessierte, die den Workshop verpasst haben, können den Zugang zur Aufzeichnung hier anfordern.

Projektlernen bei LerNetz Schule

Lösungen für die Zukunft entwickeln

Beim Bildungsprogramm «Solve for Tomorrow» von Samsung lernen die teilnehmenden Klassen, wie sie mit Design-Thinking-Methoden eigene Ideen für gesellschaftliche Herausforderungen entwickeln. Das Programm für den 3. Zyklus ist kostenlos und eignet sich optimal als Einführung in die eigene Projektarbeit. Interessierte Lehrpersonen können ihre Klasse ab sofort anmelden. Mehr erfahren


Zu Rahel Tschopp

Rahel Tschopp begleitet mit ihrer Denkreise GmbH Schulen, die sich mit der Frage auseinandersetzen: Wie kann, soll und muss Schule heute sein? In ihrer Kolumne für LerNetz Schule gibt sie persönliche Einblicke in ihre Lernreisen zu Volksschulen in der ganzen Schweiz.

In ihrer beruflichen Laufbahn war Rahel Tschopp Primarlehrerin, schulische Heilpädagogin sowie Schulleiterin. In Hamburg studierte sie Change Management. Sie arbeitete während vieler Jahre an der PH Zürich in der Weiterbildung von Lehrpersonen, zuletzt als Leiterin des Zentrums Medienbildung und Informatik. 2021 hat sich Rahel Tschopp mit ihrer Denkreise GmbH selbständig gemacht.