Schmetterlinge im Klassenzimmer

Porträt aus der Serie «Menschen an der Schule»

In einer Unterstufe in Fällanden beginnt der Unterricht mit einem tiefen Atemzug. Bei Zita Salamon finden Erstklässler im Yoga Ruhe, Konzentration und ein feines Gespür für sich selbst und andere.

Die Tür geht auf. Die Kinder betreten einen lichtdurchfluteten Raum. Mit ausgebreiteten Armen flattern sie wie Schmetterlinge. Dann setzen sie sich im Schneidersitz auf ihre Yogamatten und bilden einen Kreis. In der Mitte steht eine Vase mit Wiesenblumen, die sie selbst gepflückt haben.

Bei Zita Salamon versammeln sich die Schülerinnen und Schüler zum Yoga im Kreis.

Zita Salamon, 53, sitzt zwischen zwei Schülern. Mit ruhiger Stimme lädt sie die Kinder ein, sich aufzurichten, die Handflächen offen auf die Knie zu legen und die Augen zu schliessen. «Stellt euch vor», sagt sie, «ihr seid ein Schmetterling. Ihr landet auf einer Blume, atmet ihren Duft tief ein – und fliegt weiter, während ihr langsam ausatmet.»

Beim Yoga lernen die Schülerinnen und Schüler, zu sich selbst zu kommen.

Seit gut einem halben Jahr unterrichtet Zita Salamon an einer öffentlichen Schule in Fällanden Yoga in zwei Unterstufenklassen. Daneben gibt sie ausserhalb der Schulzeit eine Yogalektion für das Lehrpersonal.

Ruhe finden im Schulalltag

Die ausgebildete Primarlehrerin praktiziert seit vielen Jahren Yoga und hat die Ausbildung für Kinderyoga bei Fuchs und Jaguar in Winterthur absolviert. Ihre Idee, Yoga in den Unterricht zu bringen, stiess bei der Schulleitung auf grosse Unterstützung. «Solche Projekte sind nur möglich, wenn die Schule dahintersteht», sagt sie.

Atemübungen, Bewegung, Entspannung. Aktivität und Ruhe wechseln sich in den Yogastunden von Zita Salamon ab.

Yoga ist für Zita Salamon ein fester Bestandteil in ihrem Leben. Gerade wenn sie an ihre Kindheit zurückdenkt, bedauert sie es, nicht schon viel früher zum Yoga gefunden zu haben. Als Kind war sie Kunstturnerin – gefördert, aber auch aufs Härteste gedrillt. Die Trainings waren martialisch, der Umgang oft kritisch und distanziert. «Hätte ich damals Yoga gekannt, hätte ich besser gewusst, wie ich mit Druck und Erwartungen umgehen kann», sagt Zita Salamon. Mit Yoga möchte sie den Kindern helfen, den eigenen Körper zu verstehen, sich über den Atem selbst zu beruhigen und Vertrauen in sich selbst zu entwickeln.

Persönliches Morgenritual

Zita Salamon beginnt den Tag kurz vor sechs Uhr mit Yoga. Danach bereitet sie ihren beiden Söhnen das Frühstück zu, obwohl sie bereits erwachsen sind. Sie lebt mit ihnen in einem Haus mit Garten in Schwerzenbach und verbringt möglichst viel Zeit draussen, sei es mit Gartenarbeit oder bei einem gemütlichen Abendessen mit Freundinnen.

Mit dem Velo fährt sie ins Nachbardorf zur Schule, vorbei an Feldern und Wiesen. In Fällanden arbeitet sie als Fachlehrperson im Vollpensum. Sie unterrichtet meist Halbklassen in kleinen Gruppen und trägt keine Klassenverantwortung. Das schafft Raum für andere Formen des Lernens: Yoga, Musik, textiles und technisches Gestalten sowie RKE – Religion, Kultur und Ethik.

Zwischen Bewegung und Stille

Ein Gong erklingt. Stille breitet sich aus. Nach einer Weile setzen Gitarrenklänge ein. Die Kinder starten mit einem Bewegungsablauf: dem Sonnengruss. Sie springen auf, singen, tanzen und lachen. Was leicht und spielerisch wirkt, hat eine klare Abfolge: Atemübungen, Bewegung, Entspannung. Aktivität und Ruhe wechseln sich ab. «Im Schulalltag kommt Bewegung oft zu kurz. Yoga stärkt die Beweglichkeit und die Achtsamkeit», sagt Zita Salamon.

Die Yogastunde endet etspannt und mit einer sanften Berühung einer Feder.

Zum Abschluss der Stunde nehmen einige Kinder eine Feder und streichen damit ihrem Gegenüber sanft über Gesicht und Arme. Zunächst wird gekichert, weil es kitzelt. Doch schon bald werden die Bewegungen langsamer, bewusster. Aus dem Spiel entsteht ein Moment der inneren Ruhe, bevor nochmals der Gong ertönt. Im Raum ist es mucksmäuschenstill. Alle Kinder liegen auf dem Rücken, eines bewegt kaum merklich die Arme, als würde es noch einmal Flügel schlagen. Die Augen öffnen sich langsam. Die Stille bleibt noch einen Moment im Raum hängen, fast schwebend, bevor draussen wieder der Schulalltag einsetzt.


Porträt-Serie «Menschen an der Schule»

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