Kolumne von Rahel Tschopp
In dieser Kolumne geht es um einen der unterschätztesten Räume in der Schule: das Klo. Zugegeben, es klingt im ersten Moment komisch, stelle ich das WC ins Zentrum. Doch gerade dieser Ort sagt viel darüber aus, wie eine Schule mit Kindern umgeht. Toiletten sind für viele Kinder der einzige echte Rückzugsort im Schulalltag. Ein Ort, an dem sie unbeobachtet und erwartungsfrei sind. Dort erleben Kinder Privatsphäre und können sich regulieren, wenn alles zu viel ist.
Rückzug auf dem Klo
Es gibt Kinder, die wollen mehrmals täglich aufs Klo. Übersetzt kann das heissen: Ich halte es nicht mehr aus, ich muss mich kurz aus der Situation nehmen. Reizüberforderung, sozialer Druck, Konflikte oder Erschöpfung können dahinterstecken. Der Gang aufs WC ist für sie die einzige Strategie, die ihnen zur Verfügung steht.
Autonomie gewähren
Muss ein Kind fragen, ob es aufs Klo darf – oder informiert es die Lehrperson? Dazwischen liegen Welten der Selbstbestimmung. Stellt ein Kind dezent ein Plastikentlein auf den Tisch der Lehrperson? Oder zeigt es mit Gesten, dass es kurz verschwindet? Wenn man einem Kind verbietet, aufs WC zu gehen, beschneidet man seine Autonomie und zweifelt an seiner Selbstwahrnehmung. Das Kind verliert die Sicherheit, dass es seinem eigenen Körper und seinen Emotionen vertrauen darf.
Wir Erwachsenen verhalten uns übrigens oft nicht anders. In jeder Weiterbildung erlebe ich, dass Erwachsene in der Pause vergessen, aufs Klo zu gehen und dann während der Arbeit dringend wegmüssen. Niemand würde ihnen verbieten, zu gehen. Genau dieser Respekt sollte auch Kindern selbstverständlich zugestanden werden.
Die Toilette als Ventil
Wenn in einer Schule randaliert wird, dann meistens auf der Toilette. Sie wird zum Ventil. Dann ist es wichtig, genau hinzuschauen. Was fehlt im Schulalltag, dass Kinder den einzigen Rückzugsraum als Schauplatz von Frust nutzen? Das WC ist ein Spiegel der Schule. Tauchen dort plötzlich Kritzeleien und Schmierereien auf, zeigt das nicht primär, dass die Kinder mehr Grenzen brauchen. Es zeigt, dass etwas im System nicht stimmt. Es bringt wenig, die WC-Gänge zu kontrollieren und mit Sanktionen zu reagieren. Das ist reine Symptombekämpfung, denn das Problem bleibt.
Respekt, Schutz und Ruhe
Die entscheidenden Fragen lauten: Wie können wir gemeinsam mit den Kindern und Jugendlichen nachhaltige Lösungen entwickeln, damit das Klo zu einem Ort wird, der ihnen Schutz und Ruhe bietet? Wie können Kinder den respektvollen Umgang mit Materialien im öffentlichen Raum lernen? Die Bilder zu dieser Kolumne geben Einblick in die Toiletten verschiedener Schulen, die dem WC auf die eine oder andere Art besondere Aufmerksamkeit geschenkt haben. Die Primarschule Ipsach zum Beispiel hat die Toiletten mit den Kindern verschönert: Während einer Woche wurden alle Werklektionen für die Gestaltung eingesetzt.






Stille Örtchen (Bilder von links nach rechts, oben nach unten):
- Primarschule Ipsach: Gemeinsam mit den Kindern wurde die Toilette bemalt.
- Privatschule La Nave in Buchs (SG): Spiel mit Farbe und dem Oblicht
- Avonworth High School Pittsburgh (USA): Der Blick in den Spiegel
- Grundacher Schule in Sarnen: Wohnliche und einladende Atmosphäre
- Pura Vida in St. Gallen: Hygiene-Artikel in der Mädchentoilette
- Privatschule La Nave in Buchs (SG): Vollständig geschlossene Kabine

Zu Rahel Tschopp
Rahel Tschopp begleitet mit ihrer Denkreise GmbH Schulen, die sich mit der Frage auseinandersetzen: Wie kann, soll und muss Schule heute sein? In ihrer Kolumne für LerNetz Schule gibt sie persönliche Einblicke in ihre Lernreisen zu Volksschulen in der ganzen Schweiz.
In ihrer beruflichen Laufbahn war Rahel Tschopp Primarlehrerin, schulische Heilpädagogin sowie Schulleiterin. In Hamburg studierte sie Change Management. Sie arbeitete während vieler Jahre an der PH Zürich in der Weiterbildung von Lehrpersonen, zuletzt als Leiterin des Zentrums Medienbildung und Informatik. 2021 hat sich Rahel Tschopp mit ihrer Denkreise GmbH selbständig gemacht.