Porträt aus der Serie «Menschen an der Schule»
Astrid Schwyter (53) ist Forstingenieurin und Waldpädagogin. In ihrer Arbeit lässt sie Kinder den Wald erleben. Als Raum zum Spielen, Entdecken und Staunen, und als Erlebnisort, an dem sie Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten gewinnen können.
Mein Tag beginnt früh. Kurz nach sechs Uhr gehe ich mit Aragon in den nahegelegenen Wald spazieren. Der Appenzeller Rüde ist alt geworden, die Runden kürzer, doch sie gehören noch immer zu unserem täglichen Ritual.
Der Wald ist seit über 30 Jahren Teil meines Lebens. Zu ihm bin ich als Pfadfinderin und später durch meinen Beruf als Forstingenieurin gekommen. An der ETH in Zürich habe ich studiert. Der Anfang war geprägt von Mathematik, Physik und Chemie. Doch mit jedem Semester wuchs meine Begeisterung. Irgendwann standen die ersten Bäume im Mittelpunkt, und ich wusste: Das ist das Richtige für mich. Eine klassische Ausbildung als Waldpädagogin habe ich hingegen nicht absolviert. Ich bin mit «learning by doing» in diese Arbeit hineingewachsen. Mein Wissen als Ingenieurin und meine Erfahrung als Mutter von drei Kindern haben mir den Einstieg erleichtert. Inzwischen sind meine Kinder erwachsen, wir wohnen aber immer noch gemeinsam in unserem Haus in Rickenbach in Baselland.

Vertrauen wächst im Spiel
Am Vormittag treffe ich jeweils eine Klasse. Es sind Kindergärtler oder Schüler aus der Unterstufe.
Für viele ist der Wald Neuland. Sie kennen oft nur den Rasen vor dem Elternhaus oder den Spielplatz.
So sind ihre ersten Reaktionen dementsprechend zurückhaltend und ich bekomme zu hören: Hier hat es bestimmt Wölfe. Oder: Darf man da überhaupt rein? Die Kinder merken erst allmählich, dass der Wald kein feindlicher Ort ist, sondern ein Raum, den sie selbst mit Leben füllen können.
Doch bevor Lernen möglich wird, braucht es Vertrauen. Deshalb beginne ich mit einem Spiel. Zum Beispiel verwandelt sich ein Kind in eine Fledermaus und jagt mit verbundenen Augen seinen Gspänlis nach, die sich als Motten verstecken. Die Kinder fangen einander, lachen und verlieren dabei ihre Angst. In solchen Momenten ist der Wald mehr als Kulisse – er wird zum Mitspieler.
Sehen, fühlen, hören
Bei einem anderen Spiel gebe ich Suchaufträge: etwas Rotes, Rundes, Flauschiges. Dabei ist es nicht entscheidend, ob das Fundstück von einem Ahorn- oder Buchenbaum stammt. Wichtig ist, dass die Kinder genau hinsehen, vergleichen und sich austauschen.
Ein Junge zeigte mir einmal ein Blatt und sagte: «Das ist von einem Apfelbaum.» Seine Lehrerin lachte leise, doch sie korrigierte ihn nicht. Es geht nicht darum, Wissen abzufragen, sondern darum, dass die Kinder sehen, fühlen, hören und wahrnehmen. Das exakte Wissen kann später kommen. Erst muss die Beziehung entstehen. Die Kinder lauschen Vogelrufen, spüren das Rascheln der Blätter unter ihren Füssen. Nach und nach erkunden sie den Wald, balancieren über Stämme, helfen einander über Hindernisse und entdecken Fähigkeiten, die sie selbst überraschen. Freundschaften entstehen, die im Schulhaus kaum denkbar wären. Sie erfahren sich als Teil eines Organismus, der lebt und sie einschliesst. Der Wald wird zum Erlebnisraum.



Leises Staunen
Am Ende des Vormittags legen wir uns auf den Boden. Fünf Minuten, manchmal zehn. Die Kinder sind still, hören auf das Rauschen des Windes, riechen die Erde, spüren die Unebenheiten des Bodens. Manche schliessen die Augen, andere schauen nach oben in das Geflecht der Zweige. Und wenn ich sie dann am Schluss frage, welcher ihr schönster Moment gewesen sei, antworten viele: «Das Liegen auf dem Waldboden.»
Die Wiederholung spielt dabei eine wichtige Rolle: Nur wer den Wald immer wieder erlebt, sei es im Frühling, Sommer, Herbst und Winter, baut eine Beziehung auf. So entsteht echte Verbundenheit.
Ort der Freiheit
Meine eigene Kindheit war von solchen Erfahrungen geprägt. Wir spielten stundenlang im Maisfeld neben unserem Haus. Ohne Aufsicht, ohne Ziel. Wir liefen den Reihen nach, setzten uns zwischen die Pflanzen, redeten, träumten, lachten.
Später, bei den Pfadfindern, war der Wald ein Ort der Freiheit. Er lehrte mich, dass Draussensein mehr ist als Bewegung, es ist ein Zustand des Seins. Heute sehe ich, wie eng getaktet viele Kinder leben: Schule, Sport, Musikstunden, Hausaufgaben. Raum fürs Entdecken bleibt kaum. Mit meiner Arbeit möchte ich ihnen diesen Raum zurückgeben.


Für alle Fächer offen
Oft höre ich in den Schulen, der Lehrplan lasse keinen Platz für Waldtage. Ich sehe das anders. Ob Geschichte, Mathematik oder Musik: Jedes Fach lässt sich im Wald erleben. Für mich ist das, was ich tue, mehr als Arbeit. Es ist eine Haltung. Ich möchte den Kindern zeigen, dass der Wald nicht fremd ist, sondern vertraut. Dass er nicht gefährlich ist, sondern voller Möglichkeiten steckt. Und dass er uns allen gehört und die Kinder durch ihn Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten gewinnen können.

Zwischen Alltag und Handwerk
Gegen Mittag kehre ich nach Hause zurück – müde, aber erfüllt. Am Nachmittag warten dann das Büro oder der Forstbetrieb. Ich führe ein eigenes Ingenieurbüro und übernehme kleinere und grössere Aufträge. Ich plane, schreibe Konzepte, überprüfe Waldbestände. Wenn mein Kalender es zulässt, arbeite ich in der Bildungswerkstatt Bergwald mit. Die Verbindung von Praxis und Theorie, von Waldpädagogik und Forstwirtschaft, macht meinen Beruf vollständig.
In meiner freien Zeit widme ich mich dem Handwerk. Ich wasche, spinne, webe Wolle oder gerbe Felle. Die Arbeit mit den Händen ist ein Ausgleich. Sie verbindet Kopf und Körper. Und sie schafft etwas, das ich den Kindern zeigen kann: Materialien, die aus der Natur stammen. Auch wenn sie die Tiere nicht sehen, können sie das Fell berühren, die Struktur fühlen. So wird Natur konkret und erlebbar.
Porträt-Serie «Menschen an der Schule»
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