Porträt aus der Serie «Menschen an der Schule»
Oberstufenlehrer Leonhard Wulf (33) begleitet Jugendliche in eine Berufswelt, die sich durch KI rasant verändert. Er vermittelt die Haltung: neugierig bleiben, den Handy-Gebrauch aufs Nötigste beschränken und auf Berufe setzen, in denen es Menschen braucht.
Robust, geschickt, am liebsten mit den Händen tätig. Für mich war klar: Diese Schülerin kann Automechanikerin werden. Ich sah sie schon in der Werkstatt. Entscheiden sollte sie aber selbst.
Wenn die Jugendlichen zu mir an die Oberstufe kommen, sind sie zwölf oder dreizehn. Und schon steht die Berufswahl vor der Tür. In anderen Ländern ist das erst mit 16 oder sogar 18 ein Thema, in der Schweiz sind wir früh dran. Viele in diesem Alter, vor allem die Jungs, denken noch an Real Madrid oder ans nächste Wochenende!
«Auch in einer G-Klasse findest du so viele Perlen.»
Ich bin überzeugt, dass jeder Mensch eine Stärke hat. Auch in meiner G-Klasse, dem Realniveau. Die einen sind sozial stark, andere handwerklich begabt, wieder andere enorm strukturiert. Talente sind aber selten genug auf den ersten Blick erkennbar, ich rede deshalb viel mit den Jugendlichen. Und vor allem auch mit den Eltern. Diese kennen ihr Kind schliesslich seit zwölf Jahren.

Wenn in der zweiten Oberstufe das Schnuppern losgeht, brauchen die Jugendlichen eine Grundlage. Sie sollen Berufe kennenlernen, in denen ihre Stärken gefragt sind.
Ich unterrichte an der Oberstufe in Felben-Wellhausen im Kanton Thurgau, einem kleinen Satelliten der Frauenfelder Oberstufe, seit 2018. Mit dieser Erfahrung und meiner Menschenkenntnis kann ich Jugendlichen einen Bereich schmackhaft machen, der zu ihnen passt. Aber ich darf niemanden in einen Beruf drängen. Ich ebne den Weg, entscheiden sollten die Jugendlichen. Nicht ich. Nicht die Eltern.
«Das Handy kann Zeitfresser, Selbstbewusstseinsfresser und Innovationsfresser sein.»
Beim Smartphone ist Vorsicht geboten, denn es kann eine Menge Steine in den Weg legen. Wer oft vor dem Display hängt, verliert Kreativität und Innovationskraft. Auch das Selbstbewusstsein leidet häufig: Ich sehe Mädchen, die ihr Gesicht mit Filter lieber mögen als ihr echtes. Verteufeln will ich das Handy trotzdem nicht. Kein Kind soll ausgeschlossen werden, weil es keines hat. Meine Empfehlung: Für die Jugendlichen ein Handy mit dem Wesentlichen drauf: Messenger, SBB-App, Kamera. Social Media und Games hingegen auf ein Minimum reduzieren und kontrollierbar halten. Dafür Primärerfahrungen sammeln im Turnverein, beim Schreinern in der Garage, beim Musizieren in einer Band. So bleibt Neugier aufrechterhalten, und diese ist zentral!

Ja, es verändert sich vieles sehr schnell. Hier auf dem Land ist die Aufregung um KI noch nicht so gross. Ich frage dann meine Klassen: Wie hast du vor zehn Jahren im Supermarkt bezahlt? Kasse mit Personal. Und heute? Self-Checkout. So wird es für sie verständlich, wohin die Entwicklung geht. Ein Kollege, Informatiker bei einer Versicherung, hat mir kürzlich erzählt, seine neue Applikation koste zehn bis zwanzig Stellen. Sie arbeite besser, länger, ohne Pause. Und nahezu ohne Fehler.
«Wenn ihr in zwanzig Jahren noch einen Job haben wollt, müsst ihr kritisch denken können.»
Ich bin überzeugt: Alles, was geistige Routinearbeit ist, wird eine Maschine früher oder später besser machen. Das sage ich meinen Klassen klipp und klar. Gefragt sind etwa die 21st-Century-Skills: Kreativität, Kooperation, kritisches Denken, Kommunikation. Am sichersten sind Berufe, in denen es Menschen braucht: Im Handwerk, denn eine kaputte Regenrinne repariert selten ein Roboter. In der Gesundheit, denn niemand will im Spital von einer Maschine betreut werden. In der Bildung, von der Kita bis zur Hochschule. Das KV, wie wir es heute kennen, wird es hingegen in zehn Jahren kaum mehr geben.

«Ich finde es wichtig, mit Niederlagen umgehen zu lernen. Mit den eigenen und denen anderer.»
Neben Sprachen, Geschichte und Geografie unterrichte ich Sport. Die perfekte Lebensschule! Es geht nicht um den perfekten Korb, sondern um Teamgeist. Wie gehen wir mit Niederlagen um? Mit Frust? Mit Leistung? Und wie sagen wir einander auch mal: «Wach auf, gib Gas?»
Den Handstand nochmals probieren. Und nochmals. Und nochmals. So lernen die Kids, Widerstände zu überwinden. Auch wird ihnen klar, dass Gewinnen und Verlieren beides dazugehört.
Klar: Es darf nie darum gehen, die Schwachen blosszustellen. Aber wer nie verliert – und damit umgehen lernt –, die oder den trifft die erste Absage bei der Lehrstellensuche umso härter.

Auch mir fällt nicht alles leicht. In den Naturwissenschaften bin ich wirklich schwach. Aber ich habe herausgefunden, was ich gut kann, und dies war mein Kompass. In anderen Bereichen hole ich mir Unterstützung. Genau das möchte ich weitergeben: Du musst nicht alles selbst können!
Rund ein Viertel der Jugendlichen in der Schweiz bricht die Lehre ab. Umso wichtiger ist unsere Rolle als Bindeglied zwischen Schule und Berufswelt. Wir müssen die Kunst beherrschen, den Jugendlichen Wegweiser zu sein, ohne sie in eine Richtung zu zwingen.
Und meine Schülerin? Sie hat ihren Weg gefunden. Nicht in der Auto-Werkstatt, sondern in der Kita. Und das ist gut so.
Porträt-Serie «Menschen an der Schule»
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