Ruhe ohne Stillsein

Kolumne von Rahel Tschopp

Als Erstes fällt mir die Ruhe auf.

Ich stehe im Schulzimmer von Regina Frei im Schulhaus Rotweg in Horgen. Rundherum arbeiten Kinder. Eines sitzt im Zelt, ein anderes auf einem Barhocker. Zwei arbeiten gemeinsam am Tisch. Andere sitzen für sich. Kinder stehen auf, wechseln den Platz, holen Material.

Und es ist ruhig.

Ruhe in einem Schulzimmer kann unterschiedlich entstehen. Es gibt die restriktive Ruhe. Niemand spricht, alle sitzen am Platz, die Lehrperson gibt vor. Es ist ruhig, weil es ruhig sein muss.

Hier ist die Ruhe anders. Sie wirkt natürlich.

Ein Raum voller Möglichkeiten

Eigentlich erinnert bei Regina Frei kaum etwas an ein Schulzimmer, wie wir es kennen. Keine Tischreihen, kaum klassische Schulmöbel. Dafür unterschiedliche Tische und Stühle, Barhocker, Rückzugsorte, ein Zelt. Verschiedene Höhen, verschiedene Möglichkeiten. Ein bisschen wie ein Co-Working-Büro für Kinder.

Die Kinder wählen, wo sie arbeiten.

Und sie arbeiten hochkonzentriert. Ein Kind liest, zwei tauschen sich leise aus, ein anderes arbeitet für sich. Es wirkt alles so leicht. Fast beiläufig.

Dabei wird hier gelernt. Intensiv gelernt.

Später bin ich bei einer Sequenz dabei, in der die Kinder spielen dürfen. Kleine Gruppen bilden sich. Die Kinder verteilen sich im Raum, spielen, reden. Für einen Moment fühle ich mich wie in einer guten Stube. Es ist gemütlich und belebt.

Auch beim Spielen wird gelernt. Regeln werden ausgehandelt, Strategien entwickelt, es wird erklärt, gewartet, gewonnen und verloren. Die Kinder sprechen sich ab und treffen Entscheidungen. Ganz nebenbei.

Selbständigkeit will gelernt sein

Die unterschiedlichen Arbeitsplätze einfach zur Verfügung zu stellen, reicht nicht. Ihre Nutzung muss gelernt werden. Welcher Platz passt zu mir? Wo kann ich mich gut konzentrieren? Wann brauche ich einen Rückzugsort? Wann hilft mir der Austausch?

Regina überlässt diese Entscheidungen zunehmend den Kindern. Gleichzeitig gibt sie ihnen klare Strukturen.

Auch an der Tafel stehen andere Begriffe als in vielen Schulzimmern: Geschichtenzeit, Input-Sequenz, Lernweg- und Kistlizeit, Erkenntnisrunde und Coaching. Natürlich geht es auch hier um Mathematik und Deutsch. Aber der Tag wird nicht einfach von einer Abfolge von Fächern und Lektionen bestimmt.

Nicht alle machen dasselbe

Während der Lernwegzeit arbeiten die Kinder an unterschiedlichen Dingen. Regina bewegt sich durch den Raum, spricht mit einem Kind, unterstützt ein anderes, beobachtet, gibt einen kurzen Input.

Nicht alle machen zur gleichen Zeit dasselbe.

Die Kinder wissen, was sie zu tun haben. Sie kennen die Abläufe, wissen, wo sie Material finden und wo sie Unterstützung bekommen. Sie lernen, ihren nächsten Schritt zunehmend selbst zu planen.

Auch über das Lernen wird gesprochen. In der Erkenntnisrunde erzählen die Kinder, was sie verstanden oder neu entdeckt haben. Dazu gibt es eine Glühbirne mit der Aufschrift «Mir ist ein Licht aufgegangen». Kompetenzen macht Regina mit einem Schlüsselbund sichtbar.

Am Ende meines Besuchs fällt mir wieder diese Ruhe auf. Sie ist immer noch da.

Die Kinder bewegen sich. Sie sprechen miteinander. Sie arbeiten an unterschiedlichen Dingen. Regina sitzt bei einem Kind.

Niemand sorgt für Ruhe.

Sie ist einfach da.


29. Oktober 2026: Online-Talk mit Regina Frei

Im kostenlosen Online-Talk am 29. Oktober 2026 von 16.30 bis 18.00 Uhr öffnet Regina Frei die Tür zu ihrer 4. Klasse in Horgen. Sie zeigt konkret, wie sie Lernen organisiert, wie die Kinder zunehmend Verantwortung für ihren Lernweg übernehmen und welche Rolle Raum, Strukturen und Lernbegleitung dabei spielen. Der Talk wird von Rahel Tschopp moderiert. Hier geht’s zur Anmeldung.


Zu Rahel Tschopp

Rahel Tschopp begleitet mit ihrer Denkreise GmbH Schulen, die sich mit der Frage auseinandersetzen: Wie kann, soll und muss Schule heute sein? In ihrer Kolumne für LerNetz Schule gibt sie persönliche Einblicke in ihre Lernreisen zu Volksschulen in der ganzen Schweiz.

In ihrer beruflichen Laufbahn war Rahel Tschopp Primarlehrerin, schulische Heilpädagogin sowie Schulleiterin. In Hamburg studierte sie Change Management. Sie arbeitete während vieler Jahre an der PH Zürich in der Weiterbildung von Lehrpersonen, zuletzt als Leiterin des Zentrums Medienbildung und Informatik. 2021 hat sich Rahel Tschopp mit ihrer Denkreise GmbH selbständig gemacht.